Engel im Sozialismus
Immer dann, wenn die sprichwörtlichen Lichter und Kinderaugen um die Wette strahlen, kramt irgendjemand ein altes Wort hervor, das für allgemeine Heiterkeit sorgt: die „Jahresendfigur mit Flügeln“, kurz gesagt, die „Jahresendflügelfigur“. Nach einer Anekdote geht dieser Begriff angeblich auf eine offizielle Sprachregelung der DDR zurück, die damit den christlich besetzten Begriff Engel abschaffen wollte. Die „Jahresendflügelfigur“ bleibt eines der großen Wortmysterien deutsch-deutschen Sprachgebrauchs. Zeit für eine Aufklärung.
Weihnachten ohne Christkind: Wie die DDR religiöse Symbole verbannte
Wenn es um Weihnachten in der DDR ging, wurde oft von der „geflügelten Jahresendfigur“ gesprochen. Angeblich stand im Jahr 1971 dieser Ausdruck in einem Katalog der DDR-Werbeagentur DEWAG, der „Waren des täglichen Bedarfs“ anpries.
Dabei bezog er sich auf einen Weihnachtsengel, der jedoch in einem Land, das den dialektischen Materialismus als Grundlage hatte und dessen Führungsspitze eine atheistische Haltung gegenüber allem Christlichen pflegte, nicht als Engel bezeichnet werden durfte.
Allerdings handelt es sich bei der „geflügelten Jahresendfigur“ um eine Legende, die in den Quellen nicht nachweisbar ist. Nachweisbar ist hingegen, dass der Autor des Satire-Blattes „Eulenspiegel“, Ernst Röhl, diesen Ausdruck verwendet hat. Es ist ebenfalls nachweisbar, dass Kabaretts in der gesamten Republik den Begriff parodierten. Die „Jahresendfigur“ war einfach genial und absurd zugleich und brachte damit die oft verkorksten Sprachregelungen der DDR auf den Punkt.
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Ein Wort wie Loriot: Die Jahresendflügelfigur
- Die „Jahresendflügelfigur“ ist ein humorvoller Begriff, der in der ehemaligen DDR für den christlichen Begriff „Engel“ verwendet wurde, um religiöse Symbole zu vermeiden.
- Der Ausdruck wurde oft zur Unterhaltung und Heiterkeit bei Weihnachtsfeiern und Gesprächen verwendet, da er die skurrilen Sprachregelungen der DDR symbolisiert.
- Obwohl die Bezeichnung „Jahresendflügelfigur“ eher eine Anekdote ist und nicht offiziell in den Dokumenten der DDR nachweisbar ist, steht sie symbolisch für die Bemühungen des sozialistischen Regimes, christliche Symbole in der Weihnachtszeit zu umgehen.
Der Engel – die Frau des Bergmanns
Im Erzgebirge, einer traditionellen Region der Volkskunst, gab es Versuche, den christlichen Ursprung von Weihnachten zu verbergen. Die Region ist bekannt für Nussknacker, geschnitzte Krippenspiele, Schwibbögen und Engelsfiguren. Im Museum Dippoldiswalde wurden wunderschöne Engelsfiguren aus verschiedenen Jahrhunderten zur Adventszeit ausgestellt.
Als der Museumsleiter Günter Gross im Jahr 1978 einen Weihnachtsbastelbogen mit Engeln für die Museumsbesucher drucken lassen wollte, wurde ihm von der Genehmigungsbehörde für Druckvorlagen vorgeworfen, dass er als Leiter eines staatlichen Museums christliche Symbole verbreitete.
Unerwünschte christliche Symbole in der DDR
In den frühen siebziger Jahren war es in der DDR nicht erlaubt, Adventskalender offiziell als solche zu bezeichnen. Statt dessen wurde der Ausdruck „vorweihnachtlicher Kalender“ verwendet. Bis zum Jahr 1973 durften auf diesen Kalendern überhaupt keine christlichen Motive abgebildet sein. Erst danach erhielt ein kleiner Verlag in der Lausitz die Genehmigung, das Christkind und die Heiligen Drei Könige auf Adventskalendern darzustellen.
Es gab jedoch auch sozialistische Varianten von Adventskalendern, auf denen beispielsweise Junge Pioniere mit Halstuch und Mütze abgebildet waren. Trotzdem setzten sich diese weltlichen Adventskalender nicht durch.
Weihnachten mit „U-Boot-Christen“
Für den Theologen und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer aus Wittenberg steht fest: Das Weihnachtsfest hat sich in der DDR als Familienfest etabliert, und die „geflügelte Jahresendpuppe“ spielte in der alltäglichen Realität kaum eine Rolle. Den Menschen war die Weihnachtsgans wichtiger als die Weihnachtsbotschaft, und die entscheidende Frage lautete: „Wird es Südfrüchte geben?“ Pfarrer konnten sich an Weihnachten über volle Kirchen freuen, oder es ärgerte sie. Denn die meisten Kirchgänger in der Heiligen Nacht waren sogenannte U-Boot-Christen – das ganze Jahr über tauchten sie ab und wurden nur einmal im Jahr sichtbar.
Die Spuren des Atheismus der DDR waren tiefgreifend. In den frühen 1950er Jahren gab es sogar Versuche, das Friedensfest Weihnachten propagandistisch umzudeuten. Die FDJ-Zeitung „Junge Welt“ schrieb beispielsweise: „Der Friede liegt nicht als Geschenk unter dem Christbaum, er muss erkämpft und errungen werden.“
Am letzten Montag vor Weihnachten 1989 demonstrierten 100.000 Leipziger, viele von ihnen mit Kerzen in der Hand. Sie bildeten einen „Adventskranz aus brennenden Herzen.“ Als vom Turm der Nikolaikirche „Oh, du Fröhliche“ trompetet wurde, brandete Applaus auf…
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